Das Horst Fascher Projekt - Wie es dazu kam (und wie ich mir von einem Tag auf den anderen jede Menge Arbeit eingehandelt habe)
Ich hatte nicht das Glück. dabei zu sein, als Horst Fascher das erste Mal die Beatles
auf der Bühne des Star-Clubs in der Großen Freiheit in Hamburg St.Pauli angekündigt hat.
Das war am 13.April 1962 - es sollte noch gut 3 Jahre dauern, bis ich das Licht der Welt erblickte -
und noch 5 weitere Jahre, bis mir zum ersten Mal der Name der größten Band, die die Welt
jemals zu sehen bekam, geläufig wurde. Als ich zum ersten Mal in meinem Leben begriffen habe,
dass hinter dem Begriff "The Beatles" etwas ganz großartiges stand, war es schon wieder
vorbei mit der ersten echten Boygroup der Welt. Nach dem legendären Rooftop - Konzert lösten
sich die Fab 4 dann auch sehr schnell auf, damit jeder von Ihnen seinen eigenen Weg gehen konnte.
In diesem wichtigsten Lebensabschnitt, den ein Menschlein durchläuft, auch "Jugend" genannt,
hatte ich ganz andere Idole - daß sie alle auch ein wenig ihrer Existenz den "Beatles" und all
den anderen großen Namen im Hamburger Star-Club zu verdanken hatten, wurde mir erst ziemlich spät
klar - um genau zu sein brauchte ich noch mal gute 30 Jahre.
Meine Idole hiessen "Status Quo", "The Sweet", "Gary Glitter", "Suzi Quatro" in meiner Kindheit,
in meiner Jugend wechselte das zu einigen mehr oder weniger bekannten Gitarren-Kniedlern wie Rory Gallagher,
Johnny Winter, Alvin Lee mit Ten Years After und zweien derer Vorbilder, der Blueslegende B.B.King und Chuck Berry -
zumindest zwei der eben genannten haben ja auch mal auf den Brettern der Star-Club Bühne gestanden.
Die immer noch unglaublichen Rock´n´Roll Nummern von Chuck Berry haben auch wir mit unseren Bands
noch gecovert.
Als ich mich aus meinem Elternhaus geschlichen habe, um einige meiner Idole live im Rockpalast in
der Essener Grugahalle zu sehen, war der Hamburger Star-Club schon längst "Schnee von Gestern".
Fast zeitgleich versuchte in Hamburg ein gewisser Horst Fascher seinen Lebenstraum, einen neuen
Star-Club - zu reanimieren. Ich habe davon nichts mitbekommen.
Anfang der 1990er Jahre bin ich selbst nach Hamburg gezogen. Ein früherer Bandkollege, Drummer in
unserer eigenen Band, hatte es mir vorgemacht - und, nachdem ich ein paar Mal bei ihm im Norden zu
Besuch war, überredet, selbst nach Hamburg zu ziehen. Was nicht schwer war, denn als Musiker und
Comiczeichner, was ich damals war - hatte man im Gegensatz zum Ruhrgebiet zwar nicht viel größere
Chancen, aber zumindest so etwas wie ein Szene, in der man sich behaupten konnte und auch eine gewisse
positive Komnkurrenz verspürte.
Und dann gab es in Hamburg noch diesen unglaublichen Stadtteil St.Pauli,
der, obwohl er schon damals fast genauso heruntergekommen und abgewirtschaftet war wie heute,
eine immense Faszination auf mich ausübte. Da gab es abgefuckte Spelunken, die sich nach Mittenacht in
einen funkelnden Star-Palast verwandelten, weil dort Musiker auftraten, die man sein halbes Leben
lang vergöttert hatte, ohne ihnen jemals so nah zu sein, wie hier.
Da gab es Frauen, die, so kam es mir vor, gerade einem Playboy Centerfold entsprungen sein könnten,
und sich mir, dem kleinen Puper aus dem Ruhrpott an den Hals warfen, als wäre ich selber ein Star.
(Klar wollten die nur mein Geld - aber es war eine gute Investition!)
Und da gab es eben diesen Stadtteil in seiner Gesamtheit, der in seiner Selbstverständlichkeit eigentlich
so viel mehr "Ruhrpott" war, als alle Städte des Ruhrgebiets zusammengenommen.
Sprich: Ich habe mich hier einfach "ZuHause" gefühlt.
Kein Wunder also, daß ich mich auch heute, fast 20 Jahre danach, an diese sehr prägende Zeit in St.Pauli
erinnere, als wäre es gestern gewesen. Und da man als "Künstler" meistens wieder da angelangt, wo man angefangen hat. lag es für mich nah, mich
mit Hamburg - St.Pauli noch einmal etwas ausführlicher zu befassen.
Mittlerweile war ich Designer von Computerspielen geworden. Und nachdem ich bereits einmal einen Millionenseller
kreiirt hatte, der letzen Endes auf meinen Erfahrungen auf St.Pauli basierte (Wet - The sexy Empire) -
habe ich mich 2006 entschlossen, diesem einzigartigen Mikrokosmos, der auch "Kiez" genannt wird, ein Spiel zu widmen.
Angeregt durch dieses Projekt wollte ich sehr schnell viel mehr wissen über diesen Teil von Hamburg, der innerhalb
der Hansestadt so ungeliebt und trotzdem so begehrt ist. Der absichtlich jahrzehntelang kaputtsaniert wurde und
inzwischen wieder als Allheilmittel gegen leere Stadtkassen entdeckt wurde. Der immer wieder mit Füßen getreten wurde
und letzen Endes immer wieder dafür herhalten muss, als betongewordene Hure tag ein tag aus tausenden von Besuchern
das Hirn (und vorallem das Geld) aus allen Löchern zu saugen.
So habe ich begonnen, Interviews mit allen möglichen "St.Pauli Orginalen" zu führen und in den Erinnerungen anderer
Leute zu stöbern. Als ich gerade der Meinung war, das "Phänomen St.Pauli" geschnallt zu haben, gab mir ein guter
Freund ein Buch in die Hand. "Let the Good Times Roll" von einem gewissen Horst Fascher war soeben erschienen und
hatte die Spiegel-Bestseller Liste gestürmt. "Wenn Du etwas über St.Pauli und seine Geschichte erfahren willst,
dann lies dieses Buch." Danke Uli, was Du mir damit "antun" würdest, hast Du wahrscheinlich nicht geschnallt.
Jedenfalls war die Lektüre dieses Buches eine Offenbarung. Da hatte jemand mal eben so nebenbei
die Musikgeschichte St.Pauli´s erzählt und obendrein noch die Erklärung geliefert, warum St.Pauli auch heute noch von seinem
Legendenstatus zehrt.
Verwundert es, dass ich den Autoren dieses Buches kennenlernen musste?
Den Mann, der St.Pauli gekannt hat, als es zur Legende wurde.
Den Mann, der mit dafür gesorgt hat, dass es Legende bleibt.
Der Mann, der mit seinem Engagement St.Pauli dereinst zur Hochburg des Rock´n´Roll gemacht hat. (Ich weiss, Horst,
du hast damals nur deinen Job "Ganz gut" gemacht.)
Ich habe Horst Fascher kennengelernt!
Und mit ihm nicht nur die Geschichte des Rock´n´Roll in Hamburg, sondern auch eine Menge Wegbegleiter, Verbündete -
Brüder und Schwestern. Ich habe das unglaubliche Privileg besessen, Horst Fascher über einen Zeitraum von nun mehr als
zwei Jahren zuhören zu dürfen - und ich freue mich inzwischen auf ein drittes Jahr unserer Freundschaft (und hoffentlich noch
viele weitere Jahren).
Horst, Du hast mir nicht nur einen ganz neuen, authentischen Blick auf St.Pauli, ermöglicht, sondern mir in
unseren - mittlerweile unzählbaren gesprächen ein ganz neues Weltbild eröffnet. Lieber Horst, bitte werde ganz alt!
Dieses Projekt - mit
allem was dazu gehört - ist für Dich!
cw-art / Carsten Wieland, Dezember 2009