Das St.Pauli der 1960er war mit dem heutigen einfach nicht zu vergleichen.
Auf der Großen Freiheit tobte das Hamburger Gesellschaftsleben. Der berühmte
"Blaue Peter" war eines der angesagten Lokale, in dem sich jede Nacht
Prominente und Stars zusammen mit den St.Paulianern tummelten.
Horst´s Bruder Uwe, der mehrere der angesagtesten Erotik-Etablisments auf
der Großen Freiheit betrieb, berichtete mir von Begegnungen mit Weltstars
wie Sophia Loren, Curd Jürgens und Sean Connery, die sich im "Blauen Peter"
bei italienischer Musik und gutem Essen die Klinke in die Hand gaben.
Das bunte Treiben und der ständige Publikumsstrom boten auch für den Star-Club
eine optimale Basis. Denn erstens sprach es sich bei den ausländischen Musikern
sehr schnell herum, daß nicht nur die Arbeitsbedingungen besser waren als anderswo -
sondern daß das Hamburger Rotlichtviertel auch nach dem Gig jede Menge angenehmes
in Form von Kneipen und allen möglichen Etablisments bot. Die meisten Musiker
genossen diesen einzigartigen Mikrokosmos, in dem tagtäglich - auch wegen der
späten Polizeistunde morgens um 4.00 Uhr - die Nacht zum Tag gemacht werden konnte.
Nach dem die erste Tagesvorstellung des Star-Clubs dem jüngeren Publikum vorbehalten
war, das um 22.00 wegen der strengen Kontrollen den Laden verlassen musste, füllten
die Nachtschwärmer und St.Paulianer die Nachtvorstellungen und die Kassen des
legendären Clubs. So konnte der Star-Club sein Potential optimal ausnutzen und
trotz teilweiser ziemlich hoher Gagen für die Stars langezeit wirtschaftlich arbeiten.
In sofern war auch die Lage des Star-Clubs maßgeblich für den Erfolg verantwortlich.
Das musste auch Horst Fascher einsehen, als er 1977 den zweiten Star-Club am Großneumarkt
eröffnete. Nicht nur waren die Gagen für die Bands um ein vielfaches gestiegen - auch der
Standort bot einfach nicht die optimalen Voraussetzungen, wie sie in der Großen Freiheit
auf St.Pauli bestanden hatten.
Ich liebe es, den alten St.Paulianern beim Schwärmen über ihren damaligen "Kiez"
zuzuhören, der seit langem von der Bildfläche verschwunden ist. Oft habe ich mir gewünscht,
man könnte das Rad der Zeit noch mal zurückdrehen um einmal eine Nacht im legendären
St.Pauli der 1960er Jahre zu erleben. Einer Zeit, in der Zwistigkeiten noch mit der Faust "ausgestossen" wurden und nicht wie heute mit Messerstechereien oder sogar Schiessereien
endeten. Natürlich war St.Pauli auch damals schon ein "heisses Pflaster" - davon kann man
sich in den St.Pauli Filmen von Jürgen Roland, wie z.B. "Polizeirevier Davidswache" mit
Wolfgang Kieling überzeugen. Doch zeigen diese wunderbaren Zeitdokumente auch, daß der Wind
der damals durch die Straßen von St.Pauli wehte, ein gänzlich anderer als heute war.
Das St.Pauli von damals muß auch etwas familiäres gehabt haben - so wie auch die Fans und
Musiker des alten Star-Clubs immer noch von ihrer "Star-Club-Familie" schwärmen.
Obwohl St.Pauli immer noch von diesem legendären Ruf profitiert, ist so gut wie nichts
übrig geblieben vom "Ankerplatz der Freude". Klar, es gibt noch die eine oder andere alte
Kneipe, die über die Jahre überlebt hat. Aber dank konsequenter und anhaltender Zu-Tode-Sanierung
des Stadtviertels und der über Jahrzehnte angewachsenen Kriminalisierung werden auch diese
bald verschwunden sein.Ein armseliges Denkmal wie der am 11.September 2008 eingeweihte Beatlesplatz vor der Großen Freiheit wird diese Entwicklung mit Sicherheit nicht aufhalten. Im
direkt daneben gelegenen Cafe Möller oder im früherern Beershop der Beatles, bei "Gretel & Alfons"
kann zumindest noch eine kleine Prise "St.Pauli Luft" atmen.
In meinen Collagen habe ich versucht, ein wenig von dem alten "St.Pauli Flair", das mir die
Zeitzeugen in ihren Erzählungen geschildert haben, in Bilder umzusetzen und zu konservieren.
Vielen Dank an alle, die mich dabei durch ihre persönlichen Erinnerungen, durch altes Bildmaterial
und Zeitungsauschnitte oder einfach nur durch ihr Wohlwollen und ihre Zustimmung unterstützt haben
und immer noch unterstützen.
Vielen Dank für Eure Erinnerungen. - cw-art / Carsten Wieland